Brex und hopp

Der Preis der Freiheit ist höher als das Flaschenpfand
Der Preis der Freiheit ist höher als das Flaschenpfand
Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Und die lebt nun einmal davon, dass Dinge ein begrenztes Haltbarkeitsdatum haben, Punkt. (Oder besser: Grüner Punkt?) Alles andere ist doch reine Sozialromantik, oder?
Andererseits:
Nichts ist haltbarer als ein solides Provisorium, heißt es. Ebenso wird menschlichen Partnergemeinschaften, die man als Zweckbündnis einstufen kann, ein eher überdurchschnittlich hohes Haltbarkeitsdatum nachgesagt.
Hingegen hält ein Lebensbund auf rein emotionaler Basis meist eben nur so lange, wie die Liebe währt, bevor einer der Beteiligten aus dem Partnergespann ausschert.
Insofern hatte die Beziehung der Briten zur EU eigentlich günstige Voraussetzungen, einen gemeinsamen, wenn auch unspektakulären Lebensabend zu erreichen.
Wenn, ja wenn da nicht die Verlockung von Freiheit und Abenteuer wäre, die selbst im fortgeschrittenen Lebenszyklus noch ihre destruktive Vitalkraft zu entfalten vermag.
So manches Beziehungsdrama im Rentnermilieu erzählt da seine eigene Geschichte mit oft tragischem Ausgang.
Denn wenn erst die unterdrückten Emotionen ihr Recht verlangen und auch zugesprochen bekommen, gibt es kein Halten mehr. Dass es überhaupt dazu kommen kann, liegt einfach in der menschlichen Natur: Die Vernunft als Errungenschaft des menschlichen Geistes liefert uns die Trittleiter aus dem Sumpf dumpfer Nur-Existenz. Vernunft ist die Basis von Zivilisation. Zivilisation ist eingehegte Barbarei. Vergleichbar vielleicht mit einem umhegten und sorgsam bewachten Schafspferch, den der Wolf der Wildheit nächtens umschleicht. Doch dieser ist in der Enge des Pferches nicht präsent in den Köpfen der Schafe, die von der Freiheit fantasieren und von saftigen Weiden, die nur ihnen zustehen. Wo der Stachel der Unzufriedenheit löckt, ist kein Platz mehr für Vernunft. Die Geschichte lehrt uns schmerzhaft: Emotion = Destruktion. Das gilt für Individuen ebenso wie für Institutionen, Staaten und Staatengemeinschaften. Es bedeutet meist nichts weniger als die Bankrotterklärung der Vernunft. Und wenn der Pferch erst offen ist, kann das Gemetzel beginnen.
Die sprichwörtliche britische Exzentrik zählt eindeutig zu den liebenswerten Eigenschaften des eigenwilligen Inselvölkchens am Rande von Resteuropa. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass es schon immer für eine gewisse Unwucht im ohnehin knirschenden EU-Getriebe gesorgt hat.
Solange das Gesamtkonstrukt halbwegs solide war, hielt der Laden dennoch zusammen.
Doch die ungleiche, fundamental kapitalistisch ausgerichtete wirtschaftliche Lastenverteilung auf Kosten von Großteilen der EU-Bevölkerung wie auch der unbarmherzig ausgebeuteten Restwelt fordert nun ihren Tribut. „Macht kaputt, was Euch kaputt macht!“ Dieser Sponti-Schlachtruf verhallte leider ungehört im sich anschließenden Konsumrausch der 80er und 90er Jahre des letzten Jahrtausends. Insofern läge in der sich nun anbahnenden Selbstzerstörung der EU auch eine große Chance – wenn nur die niedergeblökten Stimmen der Vernunft gehört würden. Doch die Betrachtung der Geschichte belehrt uns schmerzhaft eines Schlechteren. „Vox populi – Vox Rindvieh!“ so lautet der Spruch, der allen Verfechtern von mehr Basisdemokratie die Ohren klingeln lässt. Weil das Rindvieh per se eben leider über kein historisches Gedächtnis verfügt – ebensowenig wie über ein Talent zur reflexiven Vernunft. Das gilt übrigens nicht nur für den Hoheitsbereich der Britischen Inseln: Rinderwahn gibt’s überall. Besonders auch unter Schafen.
Das Volk hat seine Wahl getroffen. Es wird, wie stets, den Preis dafür zu bezahlen haben. Denn was man heute leichtfertig wegwirft, fällt einem morgen schmerzhaft auf die Füße.
This was it. And the worst is yet to come.

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